Grenzerfahrung: Darf es auch ein bisschen mehr sein?

NovemberIn jeder Jahreszeit gibt es gute Gründe, warum Bewegung an der frischen Luft heute mal gar nicht geht. Im November zieht einem der Nebel bis in die Knochen. Da möchte man doch lieber auf dem Sofa sitzen bleiben. Trotzdem sind mein Mann und ich am Mittwoch mal wieder zusammen gelaufen. Wir haben schließlich im nächsten Jahr vor in München unseren ersten ganzen Marathon zu laufen. Wir necken uns uns immer gegenseitig. „Komm nur eine kurze Runde.“ oder „Also gut, nur zum Muskelerhalten.“ So wollten wir diese Woche ca. 12 km mit ca. 200 Höhenmetern laufen. Es wurde aber mehr. Der Nebel war bald vergessen. Wir hatten super Gespräche. Die Strecke geht erst bergab, dann lange Zeit eben, schließlich eine ordentliche Steigung hoch und dann zum Auslaufen wieder bergab nach Hause. Es ist wirklich ein guten Gefühl, einen Berg hinauf zu joggen, an deine Grenzen zu kommen aber gleichzeitig zu merken, dass es geht. Ich freute mich nun aber doch langsam, das Ende des Berges zu sehen. Doch da sah ich noch etwas. Die Strecke war wegen Baumfellarbeiten gesperrt. So ein Mist, und das ist noch untertrieben. Es ist lustig wie unterschiedlich wir zwei in solchen Situationen sind. Andreas joggt kurz im Kreis und sucht nach einer Umleitung. Ich dachte eher daran laut rufen, zur Not meine Mütze schwingend weiter zu laufen. Zwei kurze Sätze hin und her. dann hören wir einen Baum krachen und fallen und ich bin von der Warnung Lebensgefahr überzeugt. Also folge ich Andreas weiter den Berg hoch und schimpfe vor mich hin.

Der Weg führte in einen Bestattungswald. Erst kürzlich haben wir uns unterhalten, dass wir hier einmal beerdigt werden wollen. Ich höre auf zu schimpfen. Auf dem Parkplatz steht ein einsames Auto. Wer weiß, in ein paar Jahren könnte ich oder Andreas hier parken. Die Situation wird zu einem Bild für mich. Ich bin an meine Grenze gekommen und der Weg war plötzlich zu Ende. Der neue Weg geht über meine Grenzen hinaus aber auch er ist zu schaffen. Ich hole zu Andreas auf, warne ihn kurz, dass es jetzt traurig wird und sage. „Egal wer hier den anderen im Wald besucht, wir wollen uns an diesen Moment erinnern. Der Weg wird weiter gehen, zwar schwer und im Nebel aber er wird zu schaffen sein.“

Im letzten Bleibe leichter treffen unterhielten wir uns über Grenzerfahrungen. Schon bei der Geburt erlebt jeder Mensch seine erste. Sie gehören zum Leben dazu. Besteht man sie, stellt sich ein großen Glücksgefühl ein. Jede Frau die ein Kind zur Welt gebracht hat weiß wovon ich rede. Und jeder der auf einen Wettkampf trainiert hat und dann durch das Ziel läuft auch. Das Leben stellt uns immer wieder neue Aufgaben. Bis in das hohe Alter erleben wir immer wieder Erstsituationen. Auf manches kann man sich vorbereiten, anderes bricht plötzlich über uns ein. Es sind aber nicht die lockeren Zeiten auf dem Sofa in denen wir reifen und wachsen. In den harten Zeiten werden wir stärker. Das Sofa ist dafür da wieder Kraft für die nächste Runde zu sammeln. Manch einer erlebt es nicht wie stark er wirklich sein könnte, weil er das Sofa schon lange nicht mehr verlassen hat. Und genauso trifft es manche Menschen so hart, dass sie sich wünschten sie könnten einfach mal wieder nur auf dem Sofa sitzen.

Ich weiß nicht wo du gerade stehst. Ich möchte dir aber Mut machen. Nimm die Herausforderungen des Lebens immer wieder neu an. Du kannst das Leben nicht aussitzen. Es ist normal an Grenzen zu kommen und dadurch den Lebensraum zu erweitern. Ansonsten könnte es sich mit der Zeit vielleicht recht eng anfühlen, wo du gerade bist. Und wenn du gerade in einer harten Etappe deines Lebensweges bist, es immer steiler wird und der Nebel sich zuzieht, dann glaube fest daran, dass jeder Berg ein Ende hat und nach jedem Nebel wieder die Sonne scheint.

Auch jeder Sieg den du hier feierst ist vergänglich. Das Glücksgefühl ist nie von Dauer. Wenn du in diesem Leben den richtigen Weg einschlägst wird es aber einen Zieleinlauf geben, nach dem es keine Tränen und kein Leid mehr geben wird. Das kurze Gefühl im Paradies zu sein, bleibt dann bis in alle Ewigkeit. Auch vor diesem Zieleinlauf steht eine Erstsituation und eine Grenzerfahrung.

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